Mitte Mai war ich als Bundesdrogenbeauftragter in Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein unterwegs. Dabei habe ich mit Praktikern, Betroffenen und Ehrenamtlichen gesprochen – und viele Menschen erlebt, die sich mit großem Engagement für Prävention, Therapie und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen.
Meine erste Station war das Haus Fresena in Weener, die einzige Wohnstätte für mehrfachbeeinträchtigte Abhängigkeitskranke in Ostfriesland. Besonders beeindruckt hat mich, wie wichtig dort nicht nur Therapie, sondern auch soziale Stabilität und Gemeinschaft genommen werden. Für viele Betroffene sind solche Einrichtungen ein entscheidender Schritt zurück in ein geregeltes Leben.
Anschließend ging es weiter zur Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn. Trotz Protesten und intensiver Verhandlungen kann die Fachklinik für Minderjährige in ihrer bisherigen Form nicht weiter betrieben werden, weil die Deutsche Rentenversicherung höhere Tagessätze ablehnt. Auf der Pressekonferenz vor Ort habe ich diese kompromisslose Haltung deutlich kritisiert. Wir geben in Deutschland jeden Tag rund 1,3 Milliarden Euro für das Gesundheitswesen aus – und scheitern hier an 200 Euro pro Tag pro Kind.
Die Folgen sind dramatisch: Bundesweit bleiben künftig nur noch rund 25 Therapieplätze für Kinder und Jugendliche mit Suchterkrankungen übrig. Die Schließung der Klinik steht exemplarisch für ein grundsätzliches Problem unseres Gesundheitssystems: Es finanziert den späten Schaden oft besser als die rechtzeitige Vermeidung von Krankheit.
Deshalb habe ich auf dem Deutschen Ärztetag in Hannover für einen Paradigmenwechsel in der Suchtpolitik geworben. Wir brauchen ein präventionsorientiertes Gesundheitssystem, in dem frühes Handeln belohnt wird – etwa durch eine Vergütung über jährliche Pauschalen statt über einzelne Arztkontakte. Prävention darf nicht länger Nebensache sein, sondern muss ins Zentrum unseres Handelns rücken.
In Cloppenburg, Bremen, Twistringen, Eutin und Breklum stand vor allem der direkte Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern im Mittelpunkt. Es wurde intensiv diskutiert über Cannabis, Substitution und die wachsende Gefahr synthetischer Drogen wie Fentanyl.
Ich bin überzeugt: Resilienz ist eine der wichtigsten Antworten auf Suchtprobleme. Menschen mit Selbstvertrauen, Perspektiven und stabilen sozialen Bindungen sind deutlich besser geschützt. Gleichzeitig brauchen wir eine bessere Versorgung im ländlichen Raum, mehr Therapie- und Reha-Angebote sowie einen entschlossenen Umgang mit den neuen Gefahren synthetischer Drogen. Vor allem aber brauchen wir eine Politik, die zuhört. Genau deshalb sind solche Reisen wichtig.

